Ad-Hoc-Gruppe “Zwischen multilokal und transnational: Vielfalt und Zusammenhalt in räumlich getrennt lebenden Familienarrangements”


Im Rahmen des nächsten Kongresses der deutschen Soziologen im Oktober 2012 in Bochum und Dortmund wurde diese sehr interessante Ad-Hoc-Gruppe  “Zwischen multilokal und  transnational: Vielfalt und Zusammenhalt in räumlich getrennt lebenden  Familienarrangements” gebildet. Ich übertrage die Erklärung der Gruppenbildung weiter:

Die Zeit, die man gemeinsam am selben Ort verbringt, gehört zu den konstitutiven Elementen des familialen Lebens. Geteilte Zeit an einem Ort stiftet Nähe, Vertrautheit und Intimität. Sie gilt mithin als Grundbedingung, damit sich Familien als gemeinschaftliches Ganzes erfahren können. Räumliche Nähe erleichtert intra- und intergenerationale Unterstützung. Koresidenz bzw. geringe Wohnentfernungen werden gemeinhin als Vorbedingungen für sozialen Zusammenhalt proklamiert. Formen familialen Lebens, die nicht durch beständige Koresidenz, sondern durch mehr oder weniger dauerhafte räumliche Trennung der Familienmitglieder gekennzeichnet sind, stehen deshalb in Verdacht, den sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden (Lenz 2003). In den letzten vier Jahrzehnten hat sich das familiale Zusammenleben jedoch signifikant verändert. Im Zuge unterschiedlicher sozio-ökonomischer Veränderungstrends steigt die Zahl derjenigen Familien, deren Familienleben nicht mehr nur an einem Ort und unter einem Dach stattfindet. Was hält Familien zusammen, deren Mitglieder in räumlicher Trennung leben und was gefährdet ihren Zusammenhalt? Diese Fragen sollen in der hier vorgeschlagenen Ad-Hoc- Gruppe auf der Basis empirischer Studien diskutiert werden. Dabei sind Arbeiten aus dem Feld der transnationalen Migrationsforschung ebenso angesprochen, wie solche aus der Familien- und Arbeitssoziologie. Denn nicht nur Migrant/innen leben zunehmend in räumlich verstreuten Konstellationen und pflegen “transnationale soziale Beziehungen” (Basch et al. 1994). Die Flexibilisierung von Arbeits- und Erwerbsformen, sowie die steigende Zahl von Trennungen und Scheidungen bringt auch in Familien ohne “Migrationshintergrund“ Mobilitätserfordernisse mit sich, so dass Familien sich zunehmend als haushaltsübergreifende soziale Netzwerke organisieren, die mehrere geografische Orte einschließen. Zu diesem Phänomen des mehr-örtig organisierten Familienlebens haben sich zwei Forschungsstränge entwickelt, die sich bislang wechselseitig kaum beachten. Auf der einen Seite untersucht die transnationale Migrationsforschung wie Familienleben und -fürsorge über große Distanzen und staatliche Grenzen hinweg aufrecht erhalten werden (Bryceson/Vuorela 2002, Bernhard/Landolt/Goldring 2008), transnationale Mutterschaft praktiziert wird (Parreñas 2005) und welche Rolle Kommunikationsmedien dabei spielen (Wilding 2006, Greschke 2009, Madianou/Miller 2011). Auf der anderen Seite werden vorwiegend intrastaatlich verortete multilokale Familien und Haushaltsarrangements untersucht, die durch berufsbedingte Mobilitätserfordernisse (Schneider et al. 2009, Schier 2009, Green 1997) oder Trennung der Eltern (Ahrons 1979, Hater 2003, Schier/Proske 2010) entstehen bzw. mehrere Generationen umfassen (Bertram 2000, Lauterbach 2004). Das Ziel dieser Ad-Hoc-Gruppe ist, herauszuarbeiten, wie Familie unter der Bedingung von geografischer Trennung hergestellt wird und wie sie sich von mono-lokalen Formen des familialen Zusammenlebens unterscheidet. Konzeptionell neu an diesem Ansatz ist, dass wir zunächst nicht von einem kategorialen Unterschied zwischen Migrationsfamilien und denen, die ihr Zusammenleben innerhalb eines einzigen Staates organisieren, ausgehen. Mit dem Bestreben, die transnationale Migrationsforschung mit der Familien- bzw. Arbeitssoziologie in Dialog zu bringen, setzt diese Ad-Hoc-Gruppe vielmehr einen Impuls, den Zusammenhang zwischen Familie und Mobilität systematisch auf neue, emergente Formen der Sozialität und des Zusammenlebens, sowie auf ihre (sich verändernden) Normen und soziale Funktionen zu untersuchen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die vergleichende Diskussion empirischer Beiträge aus beiden genannten Forschungsfeldern und den jeweils gängigen Konzepten und Kategorien. Auf diese Weise soll die Reichweite und Erklärungskraft von Begriffen, wie etwa multi-lokal, translokal bzw. transnational kritisch hinterfragt werden.

Organisation:
Dr. Heike Greschke, Universität Bielefeld, Bielefeld Graduate School in History and Sociology
Dr. Michaela Schier, Schumpeter-Forschungsgruppe “Multilokalität von Familie”, Deutsches Jugendinstitut München

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