Multilokalität und Individualismus

Multilokales Wohnen ist auch direkt und indirekt ein Zeichen der individualistischen Epoche. Living-apart-together Paare (LATs, Quelle des Fotos) oder berufbezogene Wochenaufenthalter (Shuttles) finden in dieser Lebensweise eine vorteilhafte Balance zwischen dem Alleinwohnen (für sich leben) und der sozialen Koexistenz (mit (er)leben). Andere leiden darunter, müssen jedoch damit leben (Ungewollte individualistische Lebensweise!).

Anders herum zeitigt sich durch das multilokale Wohnen eine gewisse Distanzierung zu den jeweiligen Lebensorten und entsprechenden Mitwelten.  Multilokalen sind nicht in einem ewigen Dasein. Ihre Handlung und Praxis durch ihre räumlich materialisierten Lebenssphären, anders gesagt, die Inseln ihres Archipels (Duchene-Lacroix 2006a; 2006b) produzieren passiv bzw. aktiv ihren Archipel und zugleich ihr Selbst.

Zwischen 25.-27. Oktober 2012 habe ich die Freude gehabt, das spannende deutsch-französische Graduierten-Colloquium “Individualismus – Ideologie oder Errungenschaft der Moderne?/L’individualisme – idéologie ou acquis de l’âge moderne?” am Frankreich-Schwerpunkt des IZKT (Universität Stuttgart) mitzugestalten. Hiermit einen Auzug des damaligen Call for Paper:

Louis Dumont hat in seiner klassisch gewordenen Studie über die Genese des neuzeitlichen Individualismus seine historische Forschung mit einer scharfen Kritik verknüpft. Die „Ideologie“ des selbstbezogenen, sich selbst und die Welt gestaltenden Subjekts gipfelt in seiner Rekonstruktion in der Egomanie Hitlers. Stellt der Individualismus der Moderne womöglich gar keine Errungenschaft sondern vielmehr eine Ideologie dar?

In Zeiten, in denen der Klimawandel das Ideal der expressiven Selbstverwirklichung durch äußere Beschränkun-gen in Frage stellt, lohnt eine erneute Diskussion über Herkunft und Zukunft des modernen Individualismus. Stellt der Individualismus der Gegenwart tatsächlich einen Irrweg dar, oder ist er Ausdruck einer historisch tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelten Sakralisierung der Person?

Um diese Fragen in einem deutsch-französischen Rahmen zu diskutieren, lassen sich nicht nur entscheidende Autoren wie Augustinus, Montaigne, Rousseau, Stirner, Nietzsche, Sartre oder Foucault in den Blick nehmen. Auch die sozialstrukturellen Voraussetzungen und künstlerischen Ausdrucksformen des modernen Individualismus werden zum Gegenstand der Debatte.

Gallery | This entry was posted in Conference, SNF-Project "Multilocal dwelling in Switzerland", Theories & concepts and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s